München, Hackenstraße 7

Das Gartenareal gehört zu den wenigen Stellen in der Innenstadt von München, die von neuzeitlicher Bebauung weitgehend verschont geblieben sind. Der größte Teil der heutigen Fläche war nachweisbar seit der Barockzeit eine Gartenanlage, deren nördliche, westliche und südliche Grenze bis heute unverändert blieb. Nur im Osten fanden Verschiebungen statt.

Die bislang früheste historische Überlieferung zu diesem Ort ist das bekannte Stadtmodell Sandtners von 1570-72. Es zeigt eine weitgehend baumbestandene Fläche, lediglich im Südosteck ist ein Haus dargestellt. Vom frühen 17. bis frühen 18. Jahrhundert befand sich im gesamten Areal eine Gartenanlage, Veränderungen fanden nur in der Gartengestaltung statt (Einbau von Brunnenanlagen; Gestaltung als Barockgarten, später als Englischer Garten). Größere bauliche Veränderungen scheinen danach erfolgt zu sein, denn der Urkataster von 1806 zeigt am Ostende des Areals jetzt zwei in den Ecken befindliche größere Gebäude, die im späten 19. Jahrhundert zu einem Bau verbunden wurden. Diesem Gebäudekomplex wurde zwischen 1920 und 1937 ein Werkstattbau vorgesetzt. Alle Gebäude wurden mit Ausnahme eines Schuppens im Südosten im Jahr 1965 abgerissen. Zu erwähnen sei noch, dass sich zur Zeit König Ludwigs II. in den genannten östlichen Gebäuden eine für den König arbeitende Vergolderwerkstatt befand. Eine frühe photographische Aufnahme zeigt die bekannte Schwanenbarke beim „Probeschwimmen“ im Gartenbrunnen.

Da für diesen östlichen Abschnitt Baumaßnahmen geplant sind, wurden vorgreifend drei archäologische Sondagen durchgeführt. Mit der Ausführung wurde das Büro für Archäologie ReVe, Bamberg unter der örtlichen Leitung von Günther Regele M.A. betraut. Die vom Grundstückseigentümer Familie von Seidlein finanzierten Untersuchungen dauerten vom 4.5.10 bis 26.5.10 und dienten der Klärung folgender Fragen:

  • lässt sich mit archäologischen Mitteln die barockzeitliche Grenze zwischen dem unter Denkmalschutz stehenden Garten und dem Wirtschaftsbereich ermitteln,
  • können für die in historischen Plänen überlieferten Bauten am Ostende des Areals noch Mauern nachgewiesen werden. Damit verbunden wäre die Möglichkeit, die alten Pläne in die heutige Vermessung einzuhängen,

    lassen sich eventuell Belege für eine spätmittelalterliche Besiedlung finden.

Sondage 1

Sondage 1 war etwa 7 m lang, 0,60 m breit und 0,50 bis 0,60 m tief. Am Ostende fand sich die Westmauer der nach 1920 errichteten Werkstatt. An diese Mauer schlossen sich ein helles Kiesband (Bef. 2) und eine darunter liegende graue Erdschicht an. Das helle Kiesband endet im Westen schlagartig. Etwa an gleicher Stelle, nur tiefer liegend und getrennt durch eine dunkle Schicht, fanden sich lokal Ziegelbruch mit festen grauen Estrich- oder Mörtelstücken und helle mörtelige Bestandteile.

Abb. 1
Abb. 1

Sondage 2

Mit über 8 m Länge reichte Sondage 2 von der oben genannten Werkstattmauer im Osten bis zur Brunnenanlage im Westen. Auch hier lag unter dem Humus ein helles Kiesband (Bef. 2), das, etwa auf gleicher Höhe wie in Sondage 1, abrupt abbricht. Die unter dem hellen Kiesband folgenden weiteren Schichten unterscheiden sich von denjenigen aus Schnitt 1. So finden sich hier unter anderem ein weiteres, jedoch sehr dünnes Mörtelband, das von der Werkstattmauer ausgehend an einer Ziegelsetzung endet, und eine Holzkohleschicht.

An die Mauer anschließend wurde auf einer Länge von ca. 1,50 m das Profil bis auf den anstehenden Kies abgetieft. Über dem anstehenden Kies fand sich eine Kulturschicht (Bef. 27) von etwa 60 cm Stärke, in die die Werkstattmauer nur wenige Zentimeter eingetieft war. Diese Schicht enthielt von wenigen dunklen, innen grün glasierten Scherben abgesehen meist unglasierte Keramik in für diesen kleinen Grabungsabschnitt überraschend großer Menge. Randscherben weisen auf eine Datierung dieser Schicht in spätmittelalterliche Zeit. Über dieser Kulturschicht lag ein helles Band (Bef. 26) mit Kies, Sand, vergangenem Mörtel und feinem Ziegelsplitt, die wie auch die über ihr folgenden Schichten bis einschließlich des obersten hellen Bandes direkt an die Werkstattmauer anschloss. Da die Mauer glatt verputzt war und sich im Profil keine Baugrube oder Spuren einer Verschalung abzeichneten, können die Schichten oberhalb der spätmittelalterlichen Kulturschicht wie folgt interpretiert werden: Das unterste helle Band mit feinem Ziegelsplitt lässt sich mit der Erbauung des Werkstattgebäudes nach 1920 verbinden. Offensichtlich wurde das Gebäude (oder zumindest die in den Sondagen aufgedeckte Westmauer) nicht in eine Baugrube eingetieft sondern freistehend erbaut. Anschließend fanden mehrere großflächige Planierungen statt, die bis zur Westmauer reichten (Bef. 12, 14 u. 25). Das oberste helle Kiesband kennzeichnet den Abbruch der Werkstatt, die direkt unter ihr liegende dunklere Schicht (Bef. 4) gehört in die Nutzungszeit des Gebäudes.

Abb. Schnitt 2 mit spätmittelalterlicher Kulturschicht, Bauhorizont und Planierungen
Abb. Schnitt 2 mit spätmittelalterlicher Kulturschicht, Bauhorizont und Planierungen

Durch die Erweiterung und das Abtiefen der Sondage 2 an genannter Stelle konnte noch ein kleines Süd-Nord ausgerichtetes Profil angelegt und zeichnerisch dokumentiert werden (Profil 3). Hier zeichneten sich drei verschiedene Gruben oder eher Gräben ab, die in die genannten Planierungsschichten einschnitten, aber vom obersten hellen Kiesband überdeckt wurden. Der jüngste Graben (Bef. 29) mit senkrechter Wandung und homogener Füllung konnte nur am Nordrand von Profil 3 auf einer Breite von ca. 12 cm dokumentiert werden, er schneidet die älteren Befunde und reicht bis in den anstehenden Boden hinein. Der ältere Graben mit senkrechter Wandung und gerundetem Boden enthält mehrere Füllschichten und ist drei-phasig. Die untersten drei Lagen (Bef. 37 bis 39; Phase 1) werden von einer v-förmigen Grube geschnitten (Bef. 36; Phase 2), alle zusammen werden von sechs Schichten überlagert (Bef. 30 bis 35; Phase 3). Da die oberste Schicht des älteren Grabens auf gleicher Höhe endet wie der jüngere Graben und beide von derselben Schicht (Bef. 12) überlagert werden, scheint kein großer zeitlicher Abstand zwischen ihnen zu liegen. Beide Gruben oder Gräben wurden nach der Erbauung und vor dem Abbruch der Werkstatt angelegt. Möglicherweise hängen sie mit einer Leitung zusammen, die vom Gebäude zum Brunnen führte.

Etwa in der Mitte des Profils 2 lagen zwei im Querschnitt wannenförmige Befunde (Bef. 13 u. 16), die im Westen auf gleicher Höhe enden wie der über ihnen liegende Befund 2. Eventuell kann man dies als Hinweis auf eine Grenze zwischen Garten und Werkstättenbereich interpretieren. Diese räumliche Trennung würde dann in die Nutzungszeit des Werkstättengebäudes, da die wannenförmigen Befunde auf den oben erwähnten großflächigen Planierungen (Bef. 12, 14) liegen.

Zuletzt seien noch die direkt neben dem Brunnen liegenden Befunde 20 bis 24 erwähnt. Da sie Schichten der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts schneiden, der Brunnen selbst aber älter ist, müssen die Schichten wohl in Zusammenhang mit Reparatur- oder Modernisierungsarbeiten zu sehen sein. Da sich in der Nähe von Schnitt 2 im Brunnen eine Wasserzuleitung befindet, können die Schichten auch mit der Installierung dieser Leitung in Zusammenhang stehen. Ähnlichkeiten in der Beschaffenheit der Befunde mögen darauf hindeuten, dass die an den Brunnen anschließenden Schichten eventuell mit Schichten des oben erwähnten älteren Grabens identisch sind (Bef. 24 mit 37; Bef. 22/23 mit 35 und Bef. 21 mit 31), der ja als Leitungsgraben für den Brunnen interpretiert wird.

Sondage 3

Im südöstlichen Bereich des Areals wurde ein etwa 2 x 2 m großer Schnitt (Sondage 3) angelegt. Hier konnte die Nordwestecke eines Gebäudes freigelegt werden, dessen nordsüdliche Mauer durch ein Keramikrohr und dünne Eisenleitungen teilweise gestört war (Bef. 40). Die obersten Ziegellagen dieses Mauerzugs waren zudem durch den Druck des anschließenden Versturzmaterials leicht nach Osten verschoben.

Ziegelformat und der verwendete weiße, stark Kies haltige Kalkmörtel deuten auf eine Bauzeit im 18. Jahrhundert hin. Neben genanntem Gebäudeeck fand sich Abbruchmaterial, das aus Ziegeln, Ziegelbruch und mörtelhaltigem Erdreich bestand (Bef. 41). Die Ziegel unterschieden sich sowohl im Format als auch in ihrer helleren Färbung von den in der Mauer verbauten Ziegeln. Auch der an ihnen anhaftende hellgraugrünliche Mörtel (Romanzementmörtel) unterschied sich deutlich vom weißen Kalkmörtel des Mauerecks. Das Abbruchmaterial stammt von jüngeren Mauern, wohl aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Abb. 3:
Abb. 3:

Ergebnis

Als Ergebnis kann festgehalten werden, dass alle oben genannten Zielsetzungen erreicht wurden.

  1. In Sondage 3 konnte die Nordwestecke eines Gebäudes aus dem 18. Jahrhundert freigelegt werden. Das ermöglicht unter anderem auch die Korrelation mit überlieferten historischen Bauplänen.
  2. In den Sondagen 1 und 2 konnte jeweils am Westende ein abrupter Wechsel festgestellt werden. Dieser Wechsel erfolgt in beiden Schnitten auf gleicher Höhe und kann daher als Grenze zwischen Gartenareal und Wirtschafts- bzw. Werkstattbereich interpretiert werden.
  3. Direkt über dem anstehenden Kies fand sich in Schnitt 2 eine etwa 60 cm starke Kulturschicht mit Keramik des Spätmittelalters. Die für den kleinen Grabungsausschnitt doch recht große Fundmenge weist auf eine nahe gelegene Siedlungstätigkeit des im Areal der zweiten Stadterweiterung (2. Hälfte 13./frühes 14. Jahrhundert) gelegenen Platzes hin. Zugehörige Befunde, etwa Pfostenlöcher oder Gruben, konnten auf Grund des recht kleinen Grabungsausschnitts jedoch nicht gemacht werden. Die relativ große Menge des Fundmaterials deutet aber darauf hin, dass bei einer größeren Grabung an dieser Stelle mit derartigen Befunden gerechnet werden muss.

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