München, Residenzstr. 22

Historischer Hintergrund

Das Areal der heutigen Residenzstraße 22 lag zu Beginn der bekannten mittelalterlichen Geschichte Münchens noch außerhalb der ersten Stadtumwehrung. Mit Erweiterung der Stadt ab 1253 muss mit einer bald einsetzenden Bebauung der Stelle gerechnet werden, zumal sie sehr prominent zwischen dem alten Herzogshof und der neu errichteten Residenz an der vom Vorderen Schwabinger Tor nach Norden ausgehenden Straße gelegen war.

Ein von J. Sandtner 1570/72 angefertigtes, sehr genaues Modell der Stadt München zeigt ein an der Straße gelegenes, großes Haus und einen dahinter gelegenen Hof. Den westlichen Abschluss bildet ein kleineres Hinterhaus. Die Bebauung der heutigen Hausnummer 22 wurde im Lauf der Zeit immer dichter, bis vom Hinterhof nur noch wenig übrig blieb. Auf- und Umbaumaßnahmen seit dem 2. Weltkrieg haben schließlich deutliche Spuren in der ursprünglichen Bausubstanz hinterlassen.

Anlass, Vorgehensweise und Vermessung

Anlass der baubegleitenden archäologischen Untersuchungen bildeten die umfassenden Umbaumaßnahmen, die auch Unterfangungen bestehender Fundamente und damit partielle Bodeneingriffe im Keller zur Folge hatten.

Die Auftragsübernahme erfolgte überraschend, da die Bitte zur archäologischen Begleitung der Baumaßnahmen erst an uns herangetragen wurde, als im Keller eine ältere Mauer zum Vorschein gekommen war. Die Baumaßnahmen wurden daraufhin unterbrochen und die Mauer von uns im Profil dokumentiert.

Nach einer längeren Pause wurden in der westlichen Kellerhälfte durch die Baumaßnahmen bedingt kleinere Bodeneingriffe angelegt, die es erlaubten, die Mauer auch im Planum zu dokumentieren.

Die in der Dokumentation gebrauchten Schnittbezeichnungen definieren sich wie folgt:

  • Schnitt 1: der gesamte Kellerraum östlich von Profil 2; er wurde, bedingt durch die Baumaßnahmen, komplett geöffnet und auf Bautiefe ausgehoben.
  • Schnitt 2: unter Schnitt 2 werden vier kleinere Bodeneingriffe westlich des Profils 2 zusammengefasst.

Ergebnisse

Schnitt 1 (mit Profilen 1 und 2)

Schnitt 1 umfasst die östliche Kellerraumhälfte ab Profil 2. Profil 1 zeigt eine horizontale Gliederung aus modernem Betonboden auf einer ebenfalls modernen Planierschicht (Bef. 5), die wiederum auf dem anstehenden Flinz auflag. Das Profil wurde nur fotografisch (analog und digital) dokumentiert (Abb. 1).

Abb. 1: Fußboden über moderner Planierung (Bef. 5), darunter liegt bereits der anstehende Boden.
Abb. 1: Fußboden über moderner Planierung (Bef. 5), darunter liegt bereits der anstehende Boden.

Profil 2 (Abb. 2), in ca. 1,3 m Abstand zum vorherigen Profil an der Westseite von Schnitt 1, zeigt eine im Norden in den Flinz einschneidende Mauer (Bef. 1), an die sich im Süden horizontal gegliederte Verfüllungsschichten anschlossen. Im Süden begrenzt wurden diese Verfüllungen durch eine senkrechte, dunkle und stark humose Verfärbung (Bef. 6), die in den anstehenden Kies und Flinz einschneidet. Über der Mauer, den Verfüllungen und dem anstehenden Boden lag die schon aus Profil 1 bekannte Planierung Bef. 5 und der moderne Betonboden.

Die zwischen Mauer und den südlich anschließenden Schichten im oberen Bereich sichtbare Spalte mit stellenweise feiner sandiger Verfüllung schien auf den ersten Blick eine Baugrube zu sein, tatsächlich jedoch handelte es sich um einen Riss, der durch Austrocknung des oberen, ursprünglich an die Mauer stoßenden Erdmaterials entstanden war.

Die in Schnitt 1/Profil 2 dokumentierte, von Westen kommende Mauer endete im Bereich von Schnitt 1 entweder stumpf im Osten oder in einer nicht mehr nachweisbaren, nach Süden führenden Ecksituation, denn sowohl im Norden als auch im Osten (Profil 1) fand sich nur der ungestörte Flinz. Da auch im weiteren Verlauf von Profil 2 nach Süden hin nur noch Kies und Flinz angetroffen, also keine parallel zu Mauer Bef. 1 verlaufende weitere Mauer und im Boden auch keine Ausbruchsgrube der ersten gefunden wurden, muss davon ausgegangen werden, dass die Mauer stumpf endete.

Zur Datierung der Mauer können lediglich die teilweise sehr unterschiedlichen Ziegelformate und der nur noch mit wenigen Kalkspatzen durchsetzte Mörtel eine grobe Auskunft geben. Demnach dürfte die Mauer der frühen Neuzeit, möglicherweise dem Barock angehören.

Besonders hingewiesen sei auf den nördlich an die Mauer stoßenden Bef. 4: In der fotografischen und zeichnerischen Dokumentation erschien er zunächst als eine zur Mauer gehörende Baugrube. Bei der im Anschluss an die Zeichnung erfolgten Suche nach datierenden Kleinfunden in den Schichten zeigte sich jedoch bald, dass es sich in Wirklichkeit um eine runde, partiell mit lockerem Material verfüllte Negativaussparung handelte, die parallel zur Mauer mit leichtem Gefälle nach Westen führte. Entstanden war sie durch ein ursprünglich vorhandenes rundes Holz, das später vermodert war. Holzspuren und Moder fanden sich noch als dünne Schicht am Boden von Bef. 4. Möglicherweise handelte es sich um einen Rundling oder eine Holzröhre (Abb. 3).

Abb. 2: Mauer und Verfüllschichten in Profil 2 (da die Beauftragung sehr kurzfristig erfolgte, stand zum Zeitpunkt der Aufnahme noch keine Maßnahmennummer zur Verfügung).
Abb. 2: Mauer und Verfüllschichten in Profil 2 (da die Beauftragung sehr kurzfristig erfolgte, stand zum Zeitpunkt der Aufnahme noch keine Maßnahmennummer zur Verfügung).

Abb. 3: Negativaussparung eines vergangenen Holzes (Bef. 4).
Abb. 3: Negativaussparung eines vergangenen Holzes (Bef. 4).

Mit Fortschreiten der Bauarbeiten wurde die restliche Fläche von Profil 1 ausgehend nach Osten hin bis zur bestehenden Mauer geöffnet. Es fanden sich keinerlei Hinweise auf weitere Mauern, Gruben oder Schächte, der Untergrund zeigte den anstehenden Flinz.

Schnitt 2 (Planum 1)

In Schnitt 2 wurden alle Bodeneingriffe desselben Kellerraumes westlich von Profil 2 zusammengefasst. Sie ergaben mit einer Ausnahme keinen archäologischen Befund. Lediglich der am Nordende von Profil 2 ansetzende und nach Westen führende Eingriff ermöglichte eine fortführende Dokumentation der Mauer Bef. 1. Es zeigte sich, dass die Mauer nur noch ca. 1 m Richtung Westen verlief und dort mehr oder weniger glatt endete.

Abb. 4: Mauer Bef. 1 im Planum.
Abb. 4: Mauer Bef. 1 im Planum.

Zusammenfassung

In den baubegleitenden archäologischen Untersuchungen konnte eine wohl rechteckige, pfeilerartige, West-Ost verlaufende Mauer dokumentiert werden, an die von Süden neuzeitliche bis moderne Verfüllschichten stießen. Da kaum Angaben zur genauen Datierung der Mauer gemacht werden können und keine weiteren erhellenden Befunde zutage kamen, ist eine Zuweisung zu einem bestimmten Bau beim derzeitigen Stand nicht möglich.

Sollten jedoch bei späteren Baumaßnahmen auf diesem Grundstück weitere Mauern dokumentiert werden können, wird eine bessere Aussage zur Baugeschichte des Hauses sicher möglich sein.

Zusammenfassung FIS

Stadtkerngrabung: Neuzeitliche (barocke?) Mauerstruktur.

Die wenigen kleinräumigen Bodeneingriffe ergaben nur an einer Stelle archäologisch relevante Befunde. Es handelt sich um ein Mauerrechteck mit südlich anschließenden, neuzeitlichen bis modernen Verfüllungen, die allesamt in den anstehenden Kies und Flinz eingetieft worden waren (acht relevante Befunde). Mauer und Verfüllungen lagen unter dem Betonboden und einer modernen Planierschicht. Die sich deutlich vom gewachsenen Boden abhebenden Befunde wurden in einem gezeichneten und fotografierten Profil dokumentiert. Die Mauer reichte als tiefster Befund bis ca. 1,60 m unter den bestehenden Betonboden (ca. 511,20 NN), ihre Unterkante wurde aber nicht erreicht.

Während die Mauer auf Grund der Baumaßnahmen bis auf Bautiefe entfernt wurde, blieben Teile der Verfüllungsschichten westlich von Profil 2 im Boden erhalten. Möglicherweise befinden sich auch noch weitere Befunde unter dem von den Baumaßnahmen nicht betroffenen Teil des Betonfußbodens westlich des genannten Profils.

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