Wenzenbach, Lkr. Regensburg, Pfarrkirche

Im Rahmen der Gesamtsanierung und Erweiterung der Pfarrkirche St. Peter in Wenzenbach wurden die Bodeneingriffe im Bereich des Kirchenraumes vom 20. August bis einschließlich 26. September 2001 archäologisch begleitet. Mit der Durchführung und örtlichen Leitung wurde die Firma ReVe – Büro für Archäologie in Bamberg beauftragt, betreut vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege (BLfD), Abteilung B, Außenstelle Regensburg. In Vertretung der Pfarrgemeinde Wenzenbach, auf deren Seite die Finanzierung liegt, erfolgte die Beauftragung durch das Architekturbüro Brückner & Brückner, Tirschenreuth.

Nach einer ersten Ortseinsicht wurde für die archäologische Dokumentation der gesamten Baumaßnahme ein Zeitrahmen von 2-3 Arbeitstagen festgesetzt, in welchem die Mauerkronen, die in der Zwischenzeit von freiwilligen Helfern der Gemeinde freigelegt wurden, aufzunehmen und an geeigneter Stelle Profile anzulegen waren. Die unerwartete Qualität der Befunde zwang zu einer Verlängerung der Maßnahme, die größtenteils vom Bauablauf diktiert und so zu koordinieren war, dass die vor Ort tätigen Firmen weder aufgehalten noch längere Zeit behindert worden wären. Somit beschränkte sich die Dokumentation zunächst ausdrücklich auf die tachymetrische Vermessung und fotografische Dokumentation sowie gegebenenfalls das Auflesen von Fundmaterial in den einzelnen Bereichen. Wo es notwendig erschien, wurden Flächen im Maßstab 1:20 bzw. 1:10 (bei „Beigaben führenden“ Gräbern) gezeichnet, Schnitte angelegt und deren Profile zeichnerisch und fotografisch dokumentiert. Bestattungen, deren wissenschaftliche Untersuchung weiterführende Ergebnisse versprach, wurden geborgen und dem BLfD übergeben. Alle weiteren Bestattungen, die durch die Baumaßnahme gefährdet waren, wurden ebenfalls geborgen und sollen an geeigneter Stelle wieder bestattet werden. Diejenigen Bestattungen die unter dem Niveau der Baumaßnahme liegen, wurden in situ, also am ursprünglichen Ort belassen. Dies geschah nur bei den beiden Bestattungen 35 und 40. Soweit Bestandteile der Tracht aus textilem Material oder Leder geborgen werden konnten, wurden diese zur Restaurierung und weiteren Untersuchung in die Restaurierungswerkstätten des bayerischen Landesamts für Denkmalpflege, der Außenstelle Regensburg bzw. in die Textilrestaurierung der Außenstelle Seehof bei Bamberg, gebracht.

Trotz der ungünstigen äußeren Umstände konnten durch eine hervorragende Zusammenarbeit mit Herrn Pfarrer Braun, dem Kirchenpfleger Herrn Riedl, dem Architekten Herrn Brückner und der vor Ort tätigen Baufirma Rödl, namentlich dem Polier Herrn Krause interessante Ergebnisse zur Kirchengeschichte von St. Peter in Wenzenbach gewonnen werden, die im Folgenden kurz vorgestellt werden sollen.

Als älteste, fassbare Bebauung (Bauphase 1) konnten sechs eventuell sieben Holzpfosten (9, 18, 20, 28, 51, 53 u. 56) festgestellt werden, die zum Wandaufbau einer mutmaßlich frühmittelalterlichen Holzkirche gehören. Die Lage unmittelbar unter den steinernen Nachfolgebauten schließen eine Interpretation als Baugerüstpfosten aus. Der mutmaßlich im Saal der Kirche gelegene Pfosten (9) war deutlich weniger tief eingegraben und könnte als Raumgliederung fungiert haben. Da vorausgesetzt werden kann, dass die Pfosten der Langhauswände im äußersten Fall unter der nördlichen bzw. südlichen Wand der romanischen Steinkirche lagen, kann der Grundriss der ersten Holzkirche mit einiger Wahrscheinlichkeit rekonstruiert werden. Demnach könnte es sich um eine einfache Saalkirche mit leicht eingezogenem Rechteckchor handeln, ähnlich der Holzkirche aus Staubing/Kreis Kehlheim aus dem 7. Jahrhundert. Mangels datierbarer Kleinfunde kann aber vorerst keine genaue zeitliche Einordnung erfolgen. Die wenigen Keramikfragmente, die über dem nordöstlichen Chorpfosten (53) unter dem Fundament des stehenden Baus geborgen werden konnten, gehören wohl dem Frühmittelalter an.

Eine an der Südseite des Chores befindliche „leere“ Grube 23 könnte ihrer Form nach als Grabgrube angesprochen werden, der fehlende Leichnam müsste dann aber noch vor Errichtung der zweiten Kirche transloziert worden sein. Die Grubenverfüllung erbrachte lediglich wenige klein zerscherbte Keramikfragmente, die aber eher als vorgeschichtlich anzusprechen sind. Demnach könnte es sich ebenso um eine wohl eisenzeitliche Siedlungsgrube handeln. Hallstatt- und latènezeitliche Fundstellen sind aus der näheren Umgebung Wenzenbachs bekannt.

Eine weitere Bestattung (44), zwischen der heutigen Nordwand und der Nordwand des Holzchores gelegen, enthielt über 40 flache Beinringe. Während sich 9 unter Tibia und Femur (Langknochen) beider Beine befanden, konnte der Rest im Hals und rechten Brustbereich beobachtet werden. Anhand der Lage einzelner Ringe, sowohl unter dem Schulterblatt als auch unter dem Schädel, kann dabei von einer Kette ausgegangen werden. Zu welchem Zweck die Ringe unter den Beinen dienten, bleibt bislang ungeklärt. Ob diese Bestattung zu Bau 1 oder einem späteren Bau gehört, wird eine angestrebte C14-Analyse des Knochenmaterials erbringen.

Bestattung 44
Bestattung 44

Die Erneuerung der Holzkirche erfolgte bereits in Stein (Bauphase 2). Es konnten weite Teile der Südwand in der untersten Fundamentlage M5 (17) sowie der Ausbruch der Westwand (3), welche über den westlichen Pfosten (18 u. 20) liegt, dokumentiert werden. Die teilweise stark verwitterten Granitbruchsteine waren in sehr festem, grauem Kalkmörtel versetzt, dem zahlreiche Kalkspatzen und Holzkohle beigemengt waren. Stellenweise entstand der Eindruck eines zweischaligen Mauerwerks. Im Osten wurde die Mauer bei der Anlage späterer Grablegen und der heute bestehenden Chorstufen ausgebrochen. Gemeinsamkeiten mit dem östlichen Fundamentbereich der heute stehenden Nordwand legen die Vermutung nahe, dass Teile der ersten nachweisbaren Steinkirche im aufgehenden Mauerwerk noch erhalten sind. Dieser Bauphase 2 ist wohl auch der heute noch stehende Turm zuzurechnen. Über den Ostabschluss sind keine verlässlichen Aussagen zu treffen, doch kann mit hoher Wahrscheinlichkeit eine eingezogene Chorlösung in Form einer halbrunden Apsis oder einem Rechteck angenommen werden. Anhand der Lage und Ausdehnung des Turmes wurde für die Rekonstruktion ein eingezogener Rechteckchor vorgeschlagen. Letztendliche Sicherheit würde nur eine archäologische Untersuchung im heute gotischen Chor erbringen.

In einer folgenden Bauphase 3 wurde die Westwand (3) zugunsten einer Erweiterung nach Westen abgebrochen, von welcher die Südwestecke (16) aufgedeckt werden konnte. Diese zweischalige, erheblich tiefer fundamentierte Mauer M3 weist auf der Innenseite noch Reste ursprünglichen Wandverputzes auf. Anhand des vorerst optisch vorgenommenen Mörtelvergleichs kann von einer eigenen Bauphase gesprochen werden, obgleich ein großer zeitlicher Abstand zum unmittelbaren Vorgängerbau nicht zwingend erscheint. Ein Niveausprung nach Osten von etwa zwanzig Zentimetern, machte eine Stufe M2 (2) erforderlich, die an der Nahtstelle zwischen den beiden Steinbauphasen errichtet wurde. Grob zugerichtete Kalkbruchsteine waren in ockerfarbenem, stark lehmhaltigem Mörtel mit Kalkspatzenbeimengung versetzt.

Im 15. Jahrhundert (Schlussstein im Chor 1482) wurde die Kirche unter Beibehaltung des Westabschlusses nach Süden erweitert und mit einem neuen Chor versehen (Bauphase 4). Eine Baunaht zwischen der Südwestecke von M3 und der südlichen, gotischen Erweiterung M4 (15) war deutlich zu erkennen. Ob in diesem Zusammenhang auch Mauer M6 (19) entstanden ist oder ob es sich dabei um einen jüngeren Einbau handelt, konnte nicht geklärt werden.

Bevor die Kirche um 1900 nochmals nach Westen erweitert wurde, hat sie 1853 eine Vorhalle M1 (1) erhalten, die kurz vor dem Abbruch als „nicht zur Schönheit der Kirche gereichender“ Anbau bezeichnet wurde (Bauphase 5). Unter den zahlreichen Bestattungen südlich und westlich der mittelalterlichen Kirchenreste konnten wenige Grablegen älterer Zeitstellung beobachtet werden, die entweder von M3 bzw. M5 gestört bzw. überbaut waren oder eindeutig auf die Holzkirche Bezug genommen haben.

Eine isolierte Bestattung östlich der Stufe M2 befand sich genau in der Achse des gotischen Kirchenschiffs und ist sowohl über die exponierte Lage als auch die „Beigaben“ angesehen Persönlichkeit anzusprechen: Der Tote (männlich, matur) wurde im Sarg in seiner Tracht bestattet, die zum Teil wohl aus Seide genäht war. An den Füßen konnten noch die Reste von Lederschuhen geborgen werden. Neben zwei Rosenkränzen, zum einen aus Rosenquarz- bzw. Achat imitierenden Glasperlen und zum anderen aus textilummantelten und mit Buntmetall-Applikationen versehenen Holz(?)perlen, trug der Bestattete zwei Silberringe am kleinen Finger seiner linken Hand. Während ein rundstabiger Ring unverziert erscheint, trägt der bandförmige Ring eine umlaufende Inschrift. Im Bereich der rechten Schulter fand sich eine Amulettkapsel aus Buntmetall, die mittels drei Ketten am Gewand befestigt war. Eine genaue Einordnung des Toten kann erst nach der Restaurierung der Funde erfolgen; möglicherweise handelt es sich um den, 1599 bestatteten Reichserbmarschall Philipp von Papenheim.

von Papenheim
von Papenheim

Unter den meist beigabenlosen Gräbern vor dem heutigen Chor verdienen die unmittelbar nebeneinander liegenden Bestattungen 21 und 22 gesonderte Erwähnung. Beide Skelette konnten nur bis zum Becken geborgen werden, da der östliche Bereich von zwei spätmittelalterlichen Epitaphen überlagert war, die im Zuge der Baumaßnahmen nicht gehoben werden sollten. Die südlicher gelegene Bestattung 21 war mit einer Steinpackung überdeckt, Sargspuren konnten nicht nachgewiesen werden. Im Brustbereich konnten zwei parallele Reihen kleiner kugelförmiger Buntmetallknöpfe dokumentiert und geborgen werden. Sie waren mittels kleinen rhombischen Buntmetallbeschlägen auf Leder befestigt.

Die ansonsten beigabenlose Bestattung 22 trägt auf dem Schädel eine „Haube“ aus Buntmetallfäden bzw. aus mit Buntmetall umwickeltem Garn. Der stellenweise Falten schlagende Saum erinnert anhand seines Verlaufs um den Gesichtsschädel an eine Gugel.

Bestattung 22
Bestattung 22

Ob die Toten identisch mit den genannten auf den beiden darüber versetzt liegenden Grabplatten sind, konnte vorerst nicht geklärt werden.

So konnten – trotz der minimalen Untersuchungsausschnitte und einer begrenzten Dauer – zur Geschichte der Pfarrkirchen St. Peter in Wenzenbach sehr interessante, über die Ortsgeschichte hinaus bedeutsame Erkenntnisse gewonnen werden, die zumindest einen hoch-, wenn nicht sogar frühmittelalterlichen Kirchenbau wahrscheinlich machen. Die tageweise, oft sehr kurzfristig zu planende Untersuchung hat gezeigt, dass auch ein geringer Aufwand durch optimale Koordination und methodische, zielgerichtete Vorgehensweise zu respektablen Ergebnissen führen kann ohne die Baumaßnahmen nennenswert zu stören.

Grabplatte Christoph von Papenheim
Grabplatte Christoph von Papenheim

Verbleib der Funde: vorerst beim Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, Außenstelle Regensburg bzw. Textilrestaurierung Schloss Seehof, 96117 Memmelsdorf. Verbleib der Originaldokumentation beim Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, Außenstelle Regensburg.

Dieser Beitrag wurde in Bayern, Friedhof/Gräberfeld/Bestattung, Frühmittelalter, Hochmittelalter, Kirche/Kloster, Mittelalter, Neuzeit, Oberpfalz, Spätmittelalter veröffentlicht und getaggt , , , , . Ein Lesezeichen auf das Permalink. setzen.