Wunsiedel, Fichtelgebirgsmuseum, Sigmund-Wann-Straße 33/35

" … deß berühmten handtwergks unnd handells der Plechziener zu wonsiedel … ",

Die Weißblechwerkstatt Sigmund Wanns in Wunsiedel? Oberfranken

Der außergewöhnliche Erzreichtum des Fichtelgebirges erweckte seit dem ausgehenden Hochmittelalter das Interesse der Hohenzollern, namentlich der Burggrafen von Nürnberg. Mit Wunsiedel sicherten sie sich neben dem Lehen 1321 auch den Besitz an der Burg, wohl schon mit dem Hintergedanken, hier für den aufblühenden Bergbau ein städtisches Zentrum zu schaffen. Entscheidend für die Stadtgründung im Jahre 1326 waren zahlreiche Eisenerz- und Zinnbergwerke im unmittelbaren Umfeld der Stadt, wobei es sich bei letzterem vorwiegend um Zinnseifenwerke handelte. Darüber hinaus können einige Hammerwerke historisch belegt werden. Das ist insofern von Wichtigkeit, da mit der Herstellung von Blech und der Verfügbarkeit von Zinn die Voraussetzungen für die Weißblechherstellung geschaffen waren, bei der Wunsiedel mit Nürnberg im 14. und 15. Jahrhundert eine Monopolstellung auf dem Gebiet des heutigen Mitteleuropas innehatte.

Bei Ausgrabungen in der Sigmund-Wann-Straße 33 konnte erstmals eine Werkstatt zur Weißblechherstellung nachgewiesen werden. Der aufgedeckte Raum war von einer sorgfältig gemörtelten Steinsetzung begrenzt, die im Süden und Osten als Fundament des heute stehenden Steinhauses wiederverwendet wurde. Sie war vom zugehörigen Laufniveau aus nur zwei flache Lagen tief fundamentiert, so dass es sich wohl um einen Fachwerkbau mit Ständer und Schwelle auf steinernem Sockel gehandelt haben dürfte, was auch durch den großformatigen Stein in der Nordostecke unterstützt wird. Der mittelalterliche Laufhorizont zeigte sich als eine dünne, stark holzkohlehaltige Schmutzschicht auf dem sorgfältig aufgebrachten Lehmestrich, in welchen im Untersuchungsbereich acht Holzfässer bzw. Bottiche eingetieft waren. Sieben der Fässer befanden sich innerhalb des rekonstruierten Raumes, das achte außerhalb im Hofbereich. Nach einer ersten Untersuchung des Inhalts der einzelnen Fässer stellte sich heraus, dass jedes Fass seine spezifische Füllung besaß, durch welche ohne Zweifel die aufgedeckte Anlage als Weißblechmanufaktur identifiziert werden konnte. Das Fass 1 enthielt neben Sand ein schwarzes Pulver, aller Wahrscheinlichkeit nach Zunder oder gemahlene Holzkohle. Dass es sich um Zinnseife als Rohstoff handelt, ist eher auszuschließen, da die Zinngewinnung meist in eigenen Schmelzhütten nahe den Gruben erfolgte. Letztendliche Sicherheit ergibt erst eine bereits laufende Analyse der entnommenen Proben. Die Fässer 2 und 3 waren ebenso mit großen Mengen dieses schwarzen feinkörnigen Pulvers angefüllt. Fass 4 beinhaltete faustgroße stark feldspathaltige Sandsteinbrocken aus der Gegend um Bayreuth bzw. Kronach, welche annähernd rund geschliffen waren und demnach wohl als Schleifkörper benutzt wurden. Darüber hinaus enthielt das Fass Flussspat, ein Flussmittel bei der Zinnverarbeitung. Fass 5 diente wegen des Lehmmantels offenbar der Aufnahme einer Flüssigkeit, vielleicht zum Beizen der geglühten Schwarzbleche in Kleiewasser. Während Fass 6 bis auf geringe Mengen Zinnschlacke vorwiegend Blechverschnitt enthielt, sammelte man in Fass 7 gebrochenes eisernes Werkzeug wie Messer und Feilen, die neben Schlacken und wenigen Schleifsteinfragmenten geborgen werden konnten. Das letzte untersuchte Fass 8 vor der Nordwand des Raumes ist wohl wieder wegen des Lehmmantels als Flüssigkeitsbehälter anzusprechen. Eine große zusammengebackene Schlackehalde neben dem Fass, bei der es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um Zinnschlacke handelt, lässt den Schmelzofen in unmittelbarer Umgebung annehmen. Möglicherweise befindet er sich im heute westlich anschließenden Anwesen, in dessen Erdgeschoss sich eine bis ins 19. Jahrhundert betriebene Zinngießerei befindet.

Die Datierung der Werkstatt ergibt sich aus der Errichtung der Stadtmauer im frühen 15. Jahrhundert, welche die nördliche Begrenzung des Grundstücks bildet. Auf den Planierschichten dieser Baumaßnahme sitzt der Fußboden auf, in dem die Fässer eingetieft sind. Im Lehm des Fußbodens fand sich außerdem Keramik des 15. Jahrhunderts. Die Aufgabe und flächige Einplanierung der Werkstatt ist durch eine aus der Verfüllung von Faß 8 stammende bronzene Petschaft mit einem schreitenden Löwen im Wappenschild ins beginnende 17. Jahrhundert datiert, was mit dem historisch überlieferten Niedergang der Zinnindustrie mit dem 30-jährigen Krieg einhergeht.

Die wohl älteste Darstellung einer solchen Weißblechmanufaktur aus der Khevenhüller-Chronik von 1612 zeigt die zahlreichen Arbeitsschritte vom Ausglühen der Schwarzbleche (oben links) bis zum Verpacken der Weißblechbündel in Fässern (Mitte rechts). So wurden sie zur Weiterverarbeitung vorwiegend an die Beckenschläger, Helm- und Haubenschmiede sowie die Plattner transportiert. Die Darstellung und zeitgenössische Beschreibung dieser Kärntner Werkstatt deckt sich in vielen Einzelheiten mit der aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts stammenden Zunftordnung der Wunsiedler Blechzinner, die in eindrucksvoller Weise die Grabungsergebnisse bestätigen.

Über die ursprüngliche Verwendung von Zinnblech zur Herstellung von Hausrat – Waschbecken, Laternen, Teller, Trinkgefäße und Feldflaschen – lässt sich neben der bereits genannten eine mannigfaltige Produktpalette ausmachen: Musikinstrumente, wie Flöten und Schellen, Kircheninterieur, Uhrblätter und Zunftschilder sowie Spielzeug, dessen Fertigung seit dem 16. Jahrhundert für Nürnberg nachgewiesen ist.

Im 15. Jahrhundert stand der Zinnbergbau im Fichtelgebirge und die damit eng verknüpfte Wunsiedler Zinnindustrie in größter Blüte. Sigmund Wann, ein Bürger der Stadt, verdankte seinen außergewöhnlichen Reichtum allein der Produktion und dem Handel von Zinnblech. Im Jahre 1451, bereits in Eger seßhaft, stiftete er nach dem Vorbild der Nürnberger Zwölf-Brüder-Stiftung ein Spital. Den historischen Quellen zufolge war man zunächst gezwungen, die Pfründner von auswärts zu holen, da man in Wunsiedel keine verarmten Bürger fand. In den Räume ist heute das Fichtelgebirgsmuseum untergebracht, dessen Erweiterung den Anlass der Grabung bildete. Die unmittelbare Nachbarschaft zur Grabungsfläche in der Sigmund-Wann-Straße, drängt die Frage auf, ob die entdeckte Zinnwerkstatt nicht auch zum Eigentum Sigmund Wanns gehörte.

Durch die Umsicht des mit der Planung betrauten Architekten und die äußerst positive Zusammenarbeit mit dem Fichtelgebirgsmuseum konnte erstmals ein Beitrag zur Erforschung eines Industriezweiges geleistet werden, dem nicht nur Wunsiedel Entstehung und Aufstieg verdankt, sondern dessen Qualität weit über die oberdeutschen Grenzen hinaus größte Berühmtheit erlangte. Sofern es der Baufortschritt erlaubt, sollen weitere Grabungen in begrenztem Umfang durchgeführt werden und die bisherigen Ergebnisse ergänzen.

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